Wahlprüfstein Bundestagswahl 2021
THESIS e.V.
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Der Frauenanteil nimmt in der Wissenschaft mit fortschreitender Karrierestufe ab, obwohl bei Promovierenden das Verhältnis relativ ausgeglichen ist. Wie möchten Sie hier zu einem ausgeglicheneren Verhältnis kommen?
DIE LINKE steht für die Etablierung eines Kaskaden-Modells zur Gleichstellung von Frauen. Gemäß dieses Modell müssen Karrierestufen nach einer vorgebeben Zeit den Frauenanteil erreichen, den die darunterliegende Karrierestufe bereits erreicht hat. Die Erreichung bzw. Nicht-Erreichung der Quoten soll honoriert bzw. sanktioniert werden. Frauen sind besonders von der Befristungspraxis betroffen. Wir wollen die Entfristung von Stellen in der Qualifizierungsphase im wissenschaftlichen Betrieb vorantreiben und Führungsaufgaben auch in Teilzeit möglich machen. Bedarfsgerechte, qualitativ hochwertige Betreuungseinrichtungen, die allen Kindern aller Hochschulmitglieder – auch Studierenden – offenstehen, sollten ausgebaut werden.
Gleichzeitig wollen wir Strukturen etablieren, die die Zitationsgap reduzieren sollen, da Publikationen nach wie vor eins der wichtigsten Qualifizierungsmerkmale in der wissenschaftlichen Karriere darstellen. Daher setzen wir uns für die Förderung intelligenter Datenbanken ein, die marginalisierte Gruppen sichtbarer machen sollen.
Um die Gleichstellung in den Berufungsprozessen in der Wissenschaft zu stärken, müssen Gleichstellungsbüro finanziell und personell besser ausgestattet werden. Gleichstellung darf in der Wissenschaft keine ehrenamtliche Tätigkeit sein. Zur Verbesserung der Situation gehört auch, die Mehrfach-Mandatierung zu entflechten. Zugleich soll eine Harmonisierung der Landeshochschul- und Landesgleichstellungsgesetze angestrebt werden, damit es eine klare rechtliche Grundlage für die gestiegenen Anforderungen gibt.
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Auch im internationalen Vergleich gibt es in Deutschland sehr wenige Frauen, die eine Professur (besonders in der Besoldungsgruppe W3) oder vergleichbare Stelle erreichen. Wie möchten Sie hier zu internationalen Standards aufschließen?
DIE LINKE möchte den Frauenanteil in der Wissenschaft weiter erhöhen. Dazu wollen wir das Professor:innen-Programm ausbauen und den Wettbewerb innerhalb des Programms zurückfahren. Aktuell bewerben sich noch zu wenige Hochschulen für das Programm und die Kluft zwischen gleichstellungspolitisch gut aufgestellten und schlecht aufgestellten Hochschulen wird größer. Auch ist für kleinere Hochschulen die über das Programm finanzierte Professur schwieriger zu besetzen als für größere Hochschulen. Diese Schieflagen des Programms drücken sich unter anderem in der hohen Quote an Universitäten in den besonders ausgezeichneten Hochschulen innerhalb des Programms aus. Als weiteres Instrument wollen wir das Tenure-Track-Programm verbessern, das von Frauen tendenziell besser als von Männern angenommen wird.
Zur Steigerung des Frauenanteils trägt auch eine gezielte internationale Rekrutierung bei. In anderen Ländern finden sich unter Post Docs deutlich mehr Frauen, die für eine Wissenschaftskarriere offen sind, und diese ziehen andere Kolleginnen aus ihren internationalen Netzwerken nach. Wir wollen daher die internationale Berufung von Professuren verbessern.
Darüber hinaus setzt sich DIE LINKE für einen Kulturwandel im Umgang mit weiblichen Führungskräften ein. Fachlich anerkannte Professorinnen werden im Konfliktfall öfter durch Entlassung oder öffentliche Degradierung aus ihrer Position entfernt. Begründung für die Entlassungen und Degradierungen sind selten wissenschaftliches Fehlverhalten, sondern in die unterschiedliche Interpretation von Führungsverhalten. Was bei Männern als souverän und klar gelobt wird, wird bei Frauen als negativ, Mobbing oder Machtmissbrauch bewertet. Die Wissenschaftsgemeinschaft muss für solche Verzerrungen sensibilisiert werden.
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Welche zusätzlichen Ansatzpunkte sehen Sie zur Steigerung der Diversität über das Geschlecht hinaus?
Zum einen fordert DIE LINKE für Menschen mit Behinderung die Möglichkeit von Arbeits- und Bildungsassistenz, um das Studium und die daran Anschließenden Karrierewege selbstbestimmt und möglichst diskriminierungsarm einschlagen zu können. Des Weiteren fordert DIE LINKE eine konsequente Beendigung rassistischer Diskriminierung und setzt sich hier unter anderem für Quoten für BIPoCs ein. Es braucht für Rechtsansprüche eine rechtlich verbindliche Arbeitsdefinition von Rassismus und eine stärke Sensibilisierung der Verwaltung für antirassistisches Handeln. Gleichzeitig setzten wir uns auch für eine Änderung des Personenstandsgesetztes und Fördermaßnahmen für Transpersonen und Nichtbinäre Menschen ein. Geschlechtliche Vielfalt bedeutet für die Linke nicht nur die Beendigung der Diskriminierung für Cis-Frauen, sondern die Anerkennung einer gelebten geschlechtlichen Vielfalt. Eine gerechte Universität kann es demnach für uns nur geben, wenn Diskriminierung intersektional gedacht wird.
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Wie wollen Sie Promovierende aus Familien ohne akademischen Hintergrund besser fördern?
DIE LINKE will Erst-Akademiker:innen besser fördern und ihnen eine Perspektive in der Wissenschaft geben. Wir sehen drei grundsätzliche Probleme für Promovierende aus Familien ohne akademischen Hintergrund. Zum Ersten sind die Arbeitsbedingungen und Karrierechancen in der Wissenschaft unstet und daher schlecht planbar. Durch unsere Reform des Wissenschaftszeitvertragsgesetzes wollen wir Dauerbefristungen beenden und zudem Dauerstellen für Daueraufgaben etablieren. Dadurch soll es auch unterhalb der Professur Karrierechancen in der Wissenschaft geben.
Zum Zweiten sind Fachhochschulen (FH) und Hochschulen für angewandte Wissenschaften (HAW) für viele Erst-Akademiker:innen der Startpunkt ihrer wissenschaftlichen Ausbildung. Der schlecht entwickelte Mittelbau an FHs und HAWs führt dazu, dass talentierte Erst-Akademiker:innen entweder an die Universitäten wechseln müssen, unter schlechteren Bedingungen promovieren müssen oder direkt in das Berufsleben einsteigen. DIE LINKE will daher den Mittelbau an FHs und HAWs ausbauen und FHs und HAWs das Promotionsrecht zusprechen.
Zum Dritten sehen wir Probleme durch das unterschiedliche soziale Kapital in der Promovierendenschaft. Aus unserer Sicht braucht es daher Programme an den Hochschulen, um diese Effekte zu reduzieren. Darüber hinaus wollen wir dafür kämpfen, dass die soziale Herkunft stärker in den Fokus von Untersuchungen und Berichten über die Situation an Hochschulen rückt. Nur mit einer aussagekräftigen Datenbasis können sinnvolle Maßnahmen (weiter)entwickelt und etabliert werden.
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In der Wissenschaft wird eine hohe Flexibilität und Mobilität gefordert, was sich mitunter schwer mit dem Familienleben sowie mit einer Behinderung oder chronischen Erkrankung vereinbaren lässt. Was wird Ihre Partei für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf sowie die Einschränkung durch eine Krankheit in der Wissenschaft tun?
DIE LINKE will die Vereinbarkeit von Familie und wissenschaftlicher Karriere verbessern und die Hürden für Menschen mit Behinderung oder chronischen Erkrankungen senken. Bausteine zur Erreichung dieser Zielsetzung sind die allgemeine Verbesserung der Arbeitsbedingungen und die Abschaffung des Sonderbefristungsrecht im Wissenschaftszeitvertragsgesetzes, das aus unserer Sicht große Probleme für Menschen mit Behinderung und chronischen Erkrankung darstellt. Auch für Familien(planung) stellen unsichere Arbeitsverhältnisse eine ungeheure Belastung dar.
Um bei Menschen mit Care-Arbeitsverpflichtung, Behinderung oder chronischen Erkrankungen eine Überlastung und Sicherungslücken zu verhindern, sollen flexiblere Studien- und Arbeitsbedingungen und auch Führung in Voll- und Teilzeit etabliert werden und Wissenschaftseinrichtungen gemeinsam mit ihren Mitarbeiter:innen die Karrierenplanung vorantreiben. Wissenschaftseinrichtungen sind dazu angehalten, Menschen mit Care-Aufgaben, Behinderung oder chronischen Erkrankungen den Zugang zu Aus- und Weiterbildungen zu erleichtern sowie bei zeitlich begrenzten Arbeits- und Förderverhältnissen Verlängerungsmöglichkeiten auszunutzen. Auch hier sollten bedarfsgerechte, qualitativ hochwertige Betreuungseinrichtungen, die allen Kindern aller Hochschulmitglieder offenstehen, ausgebaut werden.
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Emotionales, psychologisches und soziales Wohlbefinden sind essentiell für eine erfolgreiche Promotion. Welchen Handlungsbedarf sehen Sie im Bereich „mental health” im Wissenschaftsbetrieb?
DIE LINKE will die psychologische Betreuung der Promovierenden verbessern. Dazu sollen die psycho-sozialen Dienste an Hochschulen besser ausgestattet werden. Die Arbeitszeitverdichtung muss auch in der Wissenschaft thematisiert und rückgängig gemacht werden. Aktuell arbeiten Promovierende rund 40% mehr als ihr Arbeitsvertrag vorsieht. Sie arbeiten damit nicht nur kostenlos, sondern gefährden auf Dauer ihre Gesundheit.
Gleichzeitig fordern wir eine Entfristung von Stellen und das der wissenschaftliche Nachwuchs Abteilungen (Departments) zugehören soll. Wir wollen somit die Unabhängigkeit der Promovierenden von ihren Promotionsbetreuer*innen fördern, um sie vor Abhängigkeitsverhältnissen, Mobbing und sexualisierter Gewalt besser schützten zu können.
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Wie positioniert sich die Partei zum Thema Inklusion in der Wissenschaft (Promotion)?
DIE LINKE fordert eine Grundgesetzänderung, die eine Gemeinschaftsaufgabe Bildung zwischen Bund und Ländern definiert. Dadurch wird es möglich, auch in den Hochschulbau zu investieren, um bedarfsgerecht bauliche Maßnahmen zur Steigerung der Barrierefreiheit umzusetzen. Darüber hinaus wollen wir eine Stärkung und Ausweitung der Kompetenzen der Behindertenbeauftragten an allen Hochschulen sowie deren bedarfsgerechte personelle und finanzielle Ausstattung. Auf Ebene der Institute wollen wir Stellen für studentische Behinderungsbeauftragte schaffen. Diese Beauftragten sollen unabhängig sein und in allen Gremien Rede- und Antragsrecht analog zu den Gleichstellungsbeauftragten erhalten.
Um einen inklusiven Kulturwandel an den Hochschulen einzuleiten, sollen Weiterbildungs- und Qualifizierungsprogramme die Mitglieder der Hochschulgemeinschaft für die Belange von Menschen mit Behinderungen und studienerschwerenden Beeinträchtigungen sensibilisieren und den inklusiven Umgang erlernen. Dazu gehört auch der bedarfsgerechte Ausbau der Angebote kostenloser Sprachkurse insbesondere für Deutsch, Englisch und den Gebärdensprachen. Literatur, Labortechnik und andere Medien zur Ausübung wissenschaftlicher Tätigkeiten sind nach geltendem Recht sofort auf die Erfordernisse barrierefreier Bildung und Wissenschaft auszurichten.