Wahlprüfstein Bundestagswahl 2021
Bundesverband Praktizierender Tierärzte e. V. (bpt)
BV Praktizierender Tierärzte
Bundesverband Praktizierender Tierärzte e. V. (bpt)
1
Befürwortet die Partei eine Reform der Tierärztlichen Approbationsverordnung (TAppV), mit dem Ziel einer stärkeren tierärztlichen Schwerpunktsetzung und der zwingenden Vermittlung von ökonomischen und kommunikativen Fähigkeiten im Tiermedizinstudium?
Ja. Wir befürworten eine kontinuierliche Bewertung und Verbesserung der Studien- und Ausbildungsrahmenbedingungen und teilen die Ansicht nach stärkeren Schwerpunktsetzungen, sowohl tierärztlich, aber auch epidemiologisch, integrierte tierärztliche Bestandsbetreuung und das "One Health"-Konzept. Auch die Stärkung betriebswirtschaftlichen Wissens ist notwendig für eine erfolgreiche tierärztliche Tätigkeit wie auch eine empathische Kommunikationsfähigkeit mit den Tierhaltenden. Darüber hinaus muss es aber auch um den Umgang mit psychischem Druck sowie Formen jeglicher physischer und psychischer Gewalt gehen, einschließlich sexueller Übergriffe.
2
Sollte aus Sicht der Partei das Auswahlverfahren für Studienanfänger geändert werden, um dadurch sicherzustellen, dass Bewerber mit realistischeren Erwartungen an den Tierarztberuf bessere Chancen bekommen?
Ja. Wir wollen unbedingt die Nachwuchsförderung im tiermedizinischen Bereich, Studium wie Ausbildung, stärken, um auch den Nachholbedarf in der Praxis angesichts der wachsenden globalen Herausforderungen zu realisieren. Praxisgerechte Methoden, diesen Zugang für geeignete Interessent*innen zu verbessern, unterstützen wir, da Noten allein nicht zwangsläufig aussagekräftig sind. Darüber hinaus bieten (Vor-)Praktika eine Chance, den Berufsalltag näherzubringen fernab von ebenfalls wichtiger theoretischer Expertise.
3
Befürwortet die Partei eine schnelle und deutliche Anpassung der Tierärztlichen Gebührenordnung (GOT), um so Praxisinhaber/innen ein familientaugliches Einkommen, Tierarztnachwuchs die Niederlassung in eigener Praxis und angestellten Tierärzt/innen eine leistungsgerechte Bezahlung zu ermöglichen?
Ja, unbedingt. DIE LINKE unterstützt alle Bestrebungen, die die Vereinbarkeit von Familie und Beruf sowie eine angemessene Work-Life-Balance auch bei tierärztlicher Tätigkeit fördert. Dazu gehören auch angemessene Regelungen zum tierärztlichen Notdienst. Hinzu kommt der gestiegene gesellschaftliche Druck durch die (preislichen) Erwartungen von gewerblichen Tierhaltenden, die selbst finanziell unter hohem Druck stehen, und auf der anderen Seite die Erwartungen von Politik und Gesellschaft. Wir benötigen dringend Nachwuchs in vielen Veterinärbereichen, dazu gehört Anerkennung für geleistete Arbeit und eine bedarfsgerechte Personalausstattung – nicht nur in den Praxen, sondern auch in den Behörden, Schlachthöfen etc. Ein aggressiver Preiswettbewerb soll durch die GOT verhindert werden, hier sehen wir Verbesserungspotential, und gleichzeitig müssen Strukturen wie die Datenbank für Tierarzneimittel gesellschaftliche Wertschätzung für den Beruf zweifellos sichern.
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Unterstützt die Partei eine Flexibilisierung des Arbeitszeitgesetzes (AZG), um dadurch die hohen Anforderungen im Notdienstberuf Tierarzt/in bzgl. Wochenarbeitszeit und Ruhezeiten zu lockern und so eine tierärztliche Versorgung mit Nacht- und Notdiensten dauerhaft sicherzustellen?
DIE LINKE sieht dringenden Handlungsbedarf bei den arbeitszeitlichen Regelungen. Der Thüringer Weg für tierärztliche Notdienste kann ebenso ein Baustein sein wie die Anlehnung an humanmedizinische Regelungen. Zur Absicherung der gebotenen tierärztlichen Betreuung und zur Fachkräftesicherung gehört zwingend eine moderne Arbeitszeitregelung, die sowohl finanziell gerecht ist als auch die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ermöglicht. Lockerungen dürfen dem nicht entgegenstehen. Eine praxistaugliche, soziale Umsetzung des tierärztlichen Notdiensts wollen wir ermöglichen.
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Wird sich die Partei für eine Entbürokratisierung bei den tierärztlichen Dokumentationspflichten einsetzen, insbesondere im Bereich der Tierarzneimittelanwendung und -abgabe, damit wertvolle tierärztliche Arbeitskraft möglichst vollumfänglich der tiermedizinischen Versorgung zugutekommen kann?
Im Rahmen des neuen Tierarzneimittelgesetzes wurde zumindest der erste Schritt hin zu einer elektronischen Dokumentationsmöglichkeit für solche Angaben gegeben. Gleichzeitig ist die Dokumentation wichtiger Bestandteil für eine konsequente Reduzierung des Einsatzes kritischer Arzneimittel in der Tierhaltung. Dies muss jedoch auf einer praxistauglichen Weise erfolgen und mit einer personell wie finanziell genügend ausgestatteten Struktur gestützt werden – dafür setzt sich DIE LINKE weiter konsequent ein. Die Regelungen müssen risikoorientiert sein und nachweislich zur Risikovermeidung beitragen. Dokumentation um der Dokumentation willen ist kontraproduktiv.
6
Unterstützt die Partei eine schnelle Umsetzung der EU-Vorgaben des EU-Tiergesundheitsrechts und die Notwendigkeit, dass die dort vorgesehenen regelmäßigen Tiergesundheitsbesuche (tierärztliche Bestandsbetreuung) schnell und eindeutig im nationalen Recht verankert werden?
Ja. DIE LINKE fordert schon lange eine gesetzliche Verankerung der integrierten tierärztlichen Bestandsbetreuung als den besten Weg für eine bessere Tiergesundheit, gesunde Lebensmittel und die Minimierung insbesondere, aber nicht nur kritischer Tierarzneimittel.
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Befürwortet die Partei die Förderung der Selbständigkeit von Tierärzten/innen bei der Gründung von Tierarztpraxen, z.B. durch geeignete(re) Förderprogramme, Stipendien etc.?
DIE LINKE befürwortet stets die Aufnahme einer selbstständigen Tätigkeit, solange diese nicht zum Zweck der Konstruktion scheinselbstständiger Beschäftigungsverhältnisse genutzt wird, indem tarifvertragliche sowie arbeitsrechtlicher Regeln und sozialer Standards unterlaufen und die Zahlung von Sozialabgaben und Löhnen gesenkt werden. Kooperative Strukturen sind sinnvoll, den wachsenden Einfluss von Investoren in tierärztlichen Praxen sehen wir dagegen kritisch. Deshalb sind Programme zur Förderung von Berufseinsteigenden sinnvoll, zugleich sollten unabhängige Beratungsangebote helfen. Nur so kann eine tragfähige Perspektive entwickelt und "Selbstausbeutung" und prekäre Selbstständigkeit vermieden werden.
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Befürwortet die Partei eine Kategorisierung von Antibiotika, wie sie von der EMA für Menschen und Tiere vorgeschlagen wird und kein Verbot weiterer Wirkstoffklassen für die Tierhaltung (Kleintiere, Pferde und Nutztiere)?
Für DIE LINKE ist wichtig, dass Reserveantibiotika aller Wirkstoffklassen aus der Tierhaltung im Grundsatz ferngehalten werden und der „One Health“-Ansatz ernstgenommen wird. Die Reduzierung des Einsatzes von Antibiotika muss – auch zum Schutz vor Resistenzen – hohe Priorität haben. Allerdings fängt die Umsetzung dieses Zieles bei der Prävention von Tiererkrankung an, einschließlich besserer Haltungsbedingungen. Die Behandlung ganzer Bestände muss die Ausnahme werden. Die tierärztliche Beratungsleistung gegenüber Tierhaltenden muss höheres Gewicht bekommen. Die vier Kategorien der EMA scheinen aus unserer Sicht geeignet. Sich ergebende Therapienotstände sind zu analysieren und Lösungen im Sinne einer Minimierung des Resistenzrisikos zu sichern. Darüber hinaus muss die Forschung von Alternativen weiter intensiviert werden und auch die Monopolisierung von Produktionsstätten muss endlich adressiert werden. Versorgungsengpässe weisen sehr deutlich darauf hin, dass hier dringender Handlungsbedarf hinsichtlich der Versorgungssicherheit mit Tierarzneimitteln besteht.