Wahlprüfstein Bundestagswahl 2021
Pharmazeutische Zeitung
Pharmazeutische Zeitung
Pharmazeutische Zeitung
1
In Zukunft sollen Apotheken ihren Kunden neue pharmazeutische Dienstleistungen anbieten können. Zudem wird im Zuge der Pandemie zurzeit etwa über die Impfung in der Apotheke diskutiert. In welchen Bereichen würde die Linke den Apothekern gerne mehr Kompetenzen übertragen?
Die Förderung der Arzneimitteltherapiesicherheit (AMTS) ist eine zentrale Aufgabe von Apotheker*innen und zugleich ein prioritäres Ziel linker Arzneimittelpolitik. Hier können pharmazeutische Kompetenzen deutlich stärker genutzt werden, unter anderem mit weitreichenden neuen pharmazeutischen Dienstleistungen. Erfahrungen aus dem Ausland zeigen, dass Apotheker*innen nicht nur auf Krankenhausstationen, sondern auch in enger Kooperation mit Arztpraxen die Versorgungsqualität erhöhen können. Aufsuchende pharmazeutische Betreuung von multimorbiden Patient*innen und älteren Menschen sowie ein digitales Medikationsmanagement können zu den ersten neuen Aufgaben gehören.
Angesichts zahlreicher Probleme in der Adhärenzförderung, der Multimedikation, der Heimversorgung priorisieren wir die Impfung als Kompetenzerweiterung nicht. Grundsätzlich befürworten wir jedoch auch Impfungen in Apotheken bei entsprechender Schulung des Personals, etwa zur Behandlung bei Unverträglichkeiten.
2
Seit Jahren fehlen Fachkräfte im Apothekenmarkt. Viele Inhaber suchen auch mit Blick auf ein zunehmendes Durchschnittsalter der Apothekeninhaber verzweifelt nach einem Nachfolger, doch den Nachwuchs zieht es immer häufiger in Forschung und Industrie. Was muss die Politik tun, damit sich das Problem nicht weiter verschärft?
Apotheker*innen werden im Vergleich mit anderen Akademiker*innen im Gesundheitsbereich laut Tarifvertrag in der öffentlichen Apotheke unterdurchschnittlich bezahlt. Wir unterstützen hier die Bemühungen der Gewerkschaft, den Beruf durch höhere Abschlüsse attraktiver zu machen und die Bezahlung nicht vorrangig in individuellen Vereinbarungen, in denen Frauen meist systematisch schlechter wegkommen, festzulegen. Wir hoffen, dass die pharmazeutischen Dienstleistungen auch mit einem Gewinn für die eigenverantwortliche und fachlich anspruchsvolle Arbeit in der Offizinapotheke einhergehen. Wir fordern die beiden Vertragspartner Apothekerverband und GKV auf, den Mut zu wirklich neuen Wegen aufzubringen und die Versorgungqualität wirklich voranzubringen.
3
Während die Vor-Ort-Apotheken in der Coronakrise zahlreiche Gemeinwohlaufgaben (Masken, Tests, Impfzertifikate) übernommen haben, ist der Arzneimittel- Versandhandel durch die Coronakrise erneut stark gewachsen. Welche Rolle sollte der Versandhandel in der Arzneimittelversorgung und im Wettbewerb mit den Apotheken vor Ort übernehmen?
DIE LINKE lehnt als einzige Partei die Legalisierung des RX-Versandhandels seit seinem Bestehen ab, weil Versorgungssicherheit und -qualität beschädigt und die wohnortnahe Versorgung ausgehöhlt wird. Vor allem fehlt die individuell angepasste face-to-face-Beratung. Arzneimittelversender beteiligen sich auch nicht oder wenig an aufwändigen, aber notwendigen Aufgaben wie Nacht- und Notdienst, Rezepturherstellung oder BtM-Abgabe. Zudem dürfen ausländische Apotheken nach wie vor bei Privatrezepten Rabatte anbieten, die Präsenzapotheken verboten sind. Auch Menschen mit intensivem Beratungsbedarf wenden sich eher an eine Präsenzapotheke, was diese Ungleichbehandlung verstärkt. Solange politische Mehrheiten für ein Versandhandelsverbots mit rezeptpflichtigen Arzneimitteln fehlen, müssen zumindest die Qualitätsvorgaben patientengerecht und analog zu den Präsenzapotheken ausgestaltet werden: für Beratungspflicht, Temperaturkontrollen im Transport, Lagerungsvorschriften und vieles mehr.
4
In vielen anderen europäischen Ländern ist im Apothekenmarkt sowohl Fremd- als auch Mehrbesitz möglich (Pharma- oder Versandhändler besitzen Apothekenketten). Wie steht die Linke zu den Grundregeln Fremd- und Mehrbesitzverbot im deutschen Apothekenmarkt?
DIE LINKE sieht wie der Europäische Gerichtshof im Fremd- und Mehrbesitzverbot ein wichtiges Instrument des Verbraucherschutzes sowie zur Verhinderung einer weiteren Monopolisierung und Kommerzialisierung des Apothekenmarktes. Insbesondere der Betrieb von Apotheken durch Nicht-Fachleute hätte gravierende negative Folgen für die Versorgungsqualität. Unser Ansatz für wohnortnahe Vor-Ort-Apotheken, auch im ländlichen Raum ist der Ausbau der flächendeckenden ärztlichen Versorgung. Denn: sind die Ärzte vor Ort, zum Beispiel in kommunalen Gesundheitszentren, bleiben auch die Apotheken erhalten und sie könnten stärker in Präventionsaufgaben einbezogen werden. Eine ausnahmsweise Lockerung des Mehrbesitzverbotes, wenn die wohnortnahe Versorgung, insbesondere im ländlichen Raum ansonsten gefährdet wäre, schließen wir nicht aus. Auch spezielle Versorgungskomponenten in der Apothekenvergütung könnten Anreize schaffen, kleinere Apotheken zu erhalten oder sogar neu zu eröffnen.
5
Der Gesetzgeber hat für die flächendeckende Einführung des E-Rezepts eine starke Regulierung vorgesehen (staatliche E-Rezept-App). Was halten Sie von diesem staatlichen Eingriff? Wünschen Sie sich im künftigen E-Rezept-Markt mehr Wettbewerb?
Das eRezept kann die Versorgung besser und sicherer machen, zum Beispiel indem Medienbrüche, aber auch doppelte Wege vermieden werden. Es kann aber auch für Geschäftemacherei von Rezepthandel bis Datendiebstahl missbraucht werden. Dafür lehnen wir eine staatliche Regulierung nicht grundsätzlich ab. Wesentlich bleibt für DIE LINKE zudem, dass die Arzneimittelversorgung auch dann weitergeführt werden kann, wenn Internetverbindungen zusammengebrochen sind (Krisenfestigkeit).
Vor diesem Hintergrund lehnen wir jedoch die überhastete und aktionistische Einführung des eRezepts nach dem neuen Konzept ab. Verschreibungen ohne Ende-zu-Ende-Verschlüsselung sind nicht sicher genug. Das Makeln von Rezepten und andere korruptive Handlungen muss zuverlässig unterbunden bzw. mit hohen Strafen belegt werden. Die freie Apothekenwahl muss durch eine einheitliche, öffentlich entwickelte App auch mit dem eRezept gewährleistet bleiben.